Welt Online: Gutes tun und Geld verdienen mit Mikrokrediten

13.01.2010 13:44 Von: Michael Schramm

Soziales Engagement für die Armen der Welt bietet überraschend hohe Renditen bei geringen Ausfallrisiken

Bei den Investoren ist ein gewisser Anlagenotstand zu beobachten: Die Zinsen für Tages- und Festgeld gleichen gerade einmal die Inflationsrate aus. Solide Staats- und Unternehmensanleihen rentieren vergleichsweise dürftig. Und nach der Rallye des vergangenen Jahres fällt der Einstieg in den Aktienmarkt nicht gerade leicht.

Bei der Vermögensanlage weitgehend unberücksichtigt bleiben bislang Anlageprodukte im Bereich Mikrokredite - zu Unrecht. Denn diese bieten vernünftige Renditen bei einem verhältnismäßig geringen Risiko. Gleichzeitig wird die Vermögensdiversifikation verbessert. Vor allem aber verbinden Mikrokredite die Möglichkeit einer nachhaltigen Geldanlage mit einem sozialen Engagement. Erfunden wurden die Kleinstdarlehen von Muhammad Yunus. Der Ökonomieprofessor aus Bangladesch erkannte bereits vor mehr als 30 Jahren, dass Armut damit zusammenhängt, dass Bedürftige nur selten Geld zu anständigen Konditionen geliehen bekommen. Ihnen fehlt es an Sicherheiten, um bei herkömmlichen Banken als Kunden akzeptiert zu werden. Yunus begann daraufhin kleine Beträge zumeist Frauen zu borgen, die damit ihre Selbstständigkeit begründeten oder ihr kleines Geschäft ausbauten. (Frauen erwiesen sich kreditwürdiger als Männer!) Seine Finanzdienstleistungen organisiert der Professor seit 1983 in der von ihm gegründeten Gameen Bank.

Die Vergabe von Mikrokrediten ist mit üblichen Krediten nicht zu vergleichen. Der Aufwand fällt ungleich höher aus. Die Mikrobanker klappern mit dem Fahrrad oder Moped Dorf für Dorf ab, um mit den Kreditnehmerinnen Geschäftspläne zu diskutieren, Zahlungsmodalitäten zu vereinbaren oder die monatlichen Raten einzusammeln. Dabei geht es um Minidarlehen in Höhe zwei- bis dreistelliger Dollarbeträge. Das alles erklärt die hohen Zinsen von rund 20 Prozent pro Jahr. Diese liegen allerdings immer noch weit unter den Wucherzinsen, die häufig örtlich ansässige Geldverleiher einfordern. Erstaunlich ist, dass die Ausfallraten bei Mikrokrediten extrem gering sind. Rund 98 Prozent der vergebenen Mittel werden wieder zurückgezahlt. Den Erfolg der Minidarlehen erklärt Yunus damit, dass sie Initiative und Kreativität wecken - im Gegensatz zu Schenkungen oder Arbeitslosengeld, das Monat für Monat kommt, ohne, dass der Empfänger etwas dafür leistet. Häufig werden die Schuldner außerdem in Gruppen organisiert, um die soziale Kontrolle zu erhöhen.

Mittlerweile hat Yunus, der 1996 den Friedensnobelpreis erhielt, zahlreiche Nachahmer gefunden. Mehr als 10 000 Mikrofinanzorganisationen gibt es heute. In mehr als 90 Ländern werden Kleinstdarlehen an insgesamt schätzungsweise 60 Millionen Arme vergeben - selbst in New York/USA. Im Gegensatz zur Gameen Bank, die ihre Gewinne an die Kreditnehmer ausschüttet, wollen zahlreiche neue Minikreditgeber mit ihrer Unterstützung der Armen aber auch Geld verdienen. Unter ihnen tummeln sich namhafte Adressen wie Credit Suisse, Morgan Stanley oder Axa.

Die Mikrofinanzorganisationen refinanzieren sich aus den Rückzahlungen ihrer Kreditnehmer, durch staatliche Entwicklungshilfe und zunehmend über kommerzielle Investmentfonds, die in den Industrieländern vertrieben werden. Damit bietet sich auch für Privatanleger die Möglichkeit, arme Menschen finanziell zu unterstützen und daran gleichzeitig zu verdienen. Soziales Handeln und Renditestreben werden verbunden.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Rund jede zweite Kreditnehmerin kann mit dem geborgten Geld der Armut entfliehen. Gleichzeitig erzielt der Anleger mit Mikrofinanzanlagen in der Regel Renditen von drei bis fünf Prozent per annum.

Durch die extrem breite Streuung blieben Mikrokredite von der Finanzkrise weitestgehend verschont. Entsprechende Anlageprodukte gelten als ausgesprochen nachhaltig. Zudem korrelieren diese Investments kaum mit anderen Assetklassen. Damit eignen sie sich gut zur Risikostreuung des Vermögens. Mikrofinanzanlagen bieten eine ernst zu nehmende Alternative zu Geldmarktfonds sowie Tages- und Festgeldkonten. Eines ist jedoch zu beachten: Anleger, die ihr Geld zurück haben möchten, müssen dies bei Mikrofinanzanlagen oft mindestens einen Monat vorher anmelden. Das Geschäft mit dem guten Gewissen funktioniert eben nicht nach der Hau-Ruck-Methode. Mikrofinanzfonds eignen sich somit vor allem für Investoren mit einer nachhaltigen Anlagestrategie.